Ausblick.

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Lars Magnus Hofberg, Leipzig (um 1915)
In den 1970ern hatte der Besitzer dieses Instruments den Korpus mit weißer Lackfarbe gestrichen – und bereute das nun sehr. Während er sich mit einem Tischler gemeinsam um die Wiederherstellung des originalen äußeren Zustands bemühte, durfte ich das Innenleben wieder spielbar machen.
Und das war ziemlich zeitaufwendig, denn nicht nur die undichten Bälge mußten neu bezogen werden. So gab es nicht ein einziges Stückchen Filz, in dem die Motten nicht geknabbert hätten. Also alle Tonventile neu belegen, die Kanten der Schwellklappen sowie die Austuchungen der Oktavkoppelärmchen ersetzen, sämtliche Lagerböckchen garnieren und vieles mehr.
Die vielen schönen Konstruktionsdetails machten mir aber großen Spaß, denn ein dritter Kniehebel in der Mitte dient mit einer raffinierten Mechanik der getrennten Ansteuerung der Forteklappen in Baß und Diskant, und die Vierfußregister sind als Halbzüge ausgeführt, so daß man sie auch in einer abgeschwächten Klangfarbe verwenden kann. Eine nagelneue Vox humana komplettiert die Spielanlage, und nun sind auch die viereinfünftel Spiele optisch wieder perfekt und stilecht verpackt...
Olof Lindholm, Borna (1916)
Die Instrumente aus der Fabrikation von Olof Lindholm um den Ersten Weltkrieg herum lassen sich in der Regel gut datieren. So findet sich bei diesem in der Windlade die Bleistiftsignatur "15/8 16 Hönig". Im Vergleich zu dem nur ein Jahr älteren Mannborg gleich hier unten ist der Baustil noch einmal schlichter, sachlicher, für damalige Verhältnisse moderner.
Die Disposition dieses Saugwindinstruments umfaßt den üblichen 8' mit seinen hier durch zusätzliche Schleppklappen an den Registermutzen sehr wirkungsvollen Abschwächungen, einen ebenso abschwächbaren 4' im Baß und eine Seraphon 8' im Diskant, die mit der Melodia gemeinsam die Vox celeste bildet. Den Baß ergänzen noch die beiden 2'-Reihen der Aeolsharfe mit dem Vorabauszug Cornet Echo.
Auch hier wieder Lindholms typische Registermechanik, die sich dank Ledermuttern auf den Abstraktendrähten sehr genau auf die gewünschten Klangabstufungen justieren und anschließend mit Madenschrauben fixieren läßt – zuverlässig und wirkungsvoll.
Theodor Mannborg, Leipzig (1915)
Mit dreieinhalb Zungenreihen plus einer Oktave Subbaß ist dies schon ein recht ausgewachsenes Modell aus dem renommierten Hause Mannborg.
Auch hier fanden sich wieder die typischen Mängel älterer Instrumente: Brüchiges Balgtuch, das die Luftversorgung zum Wadenmuskeltrainer werden läßt, Motten in den Filzen, die die Zungen zum Schnarrwerk machen oder zum Heulen bringen, und natürlich der Staub eines ganzen Jahrhunderts...
Nun ist alles wieder auf dem neuesten Stand, Mechanik justiert, Verschleißteile getauscht, Messingbeschläge auf Hochglanz poliert, Stoffbespannungen und Tretschemelteppich erneuert – kurz: eine Augen- und Ohrenweide!
Schiedmayer Pianoforte Fabrik, Stuttgart (1930)
Den Studenten der Kirchenmusik, der sich dieses zweimanualige Pedalharmonium als Übeinstrument zugelegt hat, darf man durchaus beneiden: Drei Spiele im zart streichenden Obermanual und drei kräftige Stimmen im Untermanual bieten neben einem profunden 16' im voll ausgebauten Pedal klanglich viele Nuancen. Mit I-P, II-I und einer Superkoppel im Untermanual sind zwar nicht alle wünschenswerten Koppeln vorhanden, aber die Darstellung vieler Literatur ist damit zufriedenstellend möglich.
Nun, es steckte allerdings auch einige Arbeit darin, weil sich im Untergehäuse aufgrund schlechter Standortbedingungen Schimmel gebildet hatte, der erst einmal gründlich bekämpft werden mußte. Aber die gute Grundsubstanz rechtfertigte jeden Aufwand.
Das orignale Gebläse und ein nach Druckwindbauart konstruierter Magazinbalg sorgen für eine beständige Windversorgung, und die vielen schönen Konstruktionsdetails habe ich um einen Registerzug für die Motorschaltung und Pedalbeleuchtung ergänzt, weil das einfach hübscher ist als zwei dicke, lieblos aufgeschraubte Bakelit-Drehschalter...
Estey Organ Co., Brattleboro (USA 1901)
Hier ist mal wieder ein Instrument des großartigen amerikanischen Saugwind-Herstellers vor dem Sperrmülltod gerettet worden.
Auch mit nur zwei Spielen, einem 8' und einem 4', bietet dieses Harmonium klangvolle Musiziermöglichkeiten, und die nach Originalbauplänen des Erbauers neu angefertigte Bank macht das Spielen auch sehr angenehm.
Hildebrandt, Wiehe
Der Kleinspediteur, der dieses Harmonium im Kundenauftrag anlieferte, packte es nach dem Ausladen aus dem Transporter beherzt von der Rückseite her auf eine Sackkarre. Können Sie sich vorstellen, was bei den üblicherweise von unten offenen Saugwindinstrumenten dabei mit dem Magazinbalg passiert? Genau: das Gummituch reißt durch...
Zum Glück war das nicht ganz so tragisch, denn der Stoff war so verschlissen, daß die Bälge ohnehin neu bezogen werden mußten.
Beim ersten näheren Anschauen kam dann das nächste Aha-Erlebnis: Jemand hatte das Harmonium eines Großteils seiner Zungen beraubt, d.h. im Diapason und der Viola im Baß fehlten alle, ebenso die komplette Vox jubilans im Diskant.
Der Räuber hatte aber wohl nicht allzuviele Fachkenntnisse, sonst hätte er gewußt, daß die Aeolsharfe im Baß aus zwei Zungenreihen besteht. Da sie bei diesem Instrument beide unter einer
gemeinsamen Registerklappe sitzen, ist ihm die obere entgangen...
Nun ist alles wieder vollständig, die Bälge neu bezogen, alles fein gestimmt und justiert, der Korpus nach seinen Wasserschäden wieder aufpoliert und dem Musiziervergnügen steht nichts mehr im Wege!
Vve. Meinverc, Malakoff/Seine Frankreich um 1900
Auf seinem Weg nach Australien hat dieses zweieinhalbspielige Instrument eines mir bislang nicht bekannten Erbauers in meiner Werkstatt Station gemacht – und wie so oft mit außergewöhnlichen Konstruktionsdetails überrascht.
Hier sitzen die Stimmstöcke von unten und frei zugänglich am Resonanzboden, was im Gegensatz zu allen Druckwindmodellen, die mir bis jetzt begegnet sind, eine unglaubliche Erleichterung für das Stimmen bringt. Auch die Holzwippen, die die Registerstecher bewegen, sind allen anderen Varianten (z.B. mit den Messinglagerböckchen) an Präzision überlegen. Und da der Magazinbalg über einen abnehmbaren Luftkanal mit den Schöpfbälgen verbunden ist, war dessen Überholung mal keine Aktion für gekröpfte Finger, weil man alles, wirklich alles, komplett und unkompliziert zerlegen konnte.
Nun sind die Mäuse vertrieben, die aus dem Filz und Leder der Tonventile ihr Nest gebaut hatten, und die Esteve-Zungen klingen wieder in voller Schönheit...
The Packard Organ Co, Fort Wayne Indiana/USA (1901)
Dieses imposante Harmonium mit der Seriennummer 53.417 wurde gemäß zweier Bleistiftsignaturen im Instrument im Juni 1901 gebaut, zu einer Zeit, als pro Jahr etwa 4.000 Instrumente die Fertigung bei Packard verließen.
Der Zahn der Zeit – oder sollte ich besser sagen: der des Holzwurms – hatte ziemlich am Korpus genagt. Die Blasebalgauflager und Bodenleisten aus Weichholz waren so von Gängen durchzogen, daß man sie mit einem Finger ganz leicht eindrücken konnte. Aber auch Staub von mehr als einem Jahrhundert hatte sich in der Mechanik angesammelt.
Interessant an der Disposition ist, daß von den dreieinhalb Spielen alle acht- und vierfüßigen sowohl im Baß als auch im Diskant mit einer Abschwächung versehen sind; selbst die schwebende Celeste gibt es auch als Celestina. Die Vielfalt dieser Nuancierungen wird ab C ergänzt durch einen Subbaß 16', der vom f der kleinen Oktave an für den Diskant in eine sehr breit mensurierte, sonore und wunderbar zeichnende Solostimme "Cello" übergeht.
Schöne Gehäusedetails sind neben den reichen und vielfältigen Verzierungen die kleinen Balkone für Kerzenleuchter und das geräumige Notenfach hinter dem hochklappbaren Notenständer.
Ein bißchen stolz bin ich auch auf die neu angefertigte Harmoniumbank: Basierend auf einem Mason & Hamlin - Modell habe ich die Struktur der Korpussäulen mit ihrem Ausschnittprofil in einer feinen Drechselarbeit auf die Seitenwangen der Bank übertragen, und die Querstrebe, die die Sitzfläche trägt, ist der Verzierung über dem Spiegel nachempfunden. So bilden Bank und Instrument eine stilistische Einheit – ein sehr glücklich und zufrieden machendes Ergebnis vieler Arbeitsstunden...
Wilhelm Spaethe, Gera / Reuß (1898)
Ein typischer Sperrmüll-Fund ist hier zu neuem Leben erweckt worden: Sehr kompakt konstruiert bietet dieses Saugwindharmonium, das die Fertigungskontrolle laut Laufzettel im Instrument am 21. Dezember 1898 passierte, neben zwei Spielen, die interessanterweise zwischen g# und a der kleinen Oktave geteilt sind, noch einen Fortezug, der die Schwellklappen mit Lederriemchen aufzieht, und eine sehr minimalistische Vox humana: Ohne Start-/Bremshebel wird an ihrem Windradgehäuse mit dem Registerzug nur ein Lederläppchen verschoben, das dann den Luftweg freigibt – einfach, aber höchst wirkungsvoll.
Kein einziger Filz im Harmonium hatte den Mottten widerstanden; ein enormer Arbeitsaufwand, der da zu leisten war. Der fehlende Gehäusedeckel und der abhanden gekommene Notenständer wurden stilecht ergänzt, und nun kann die Theatergruppe, der es gehört, für die nächste Inszenierung mit einem Harmonium planen...
Emil Müller, Werdau
Arg ramponiert war der Korpus dieses interessanten Instruments, dessen Weg aus der ehemaligen DDR über Österreich nun über meine Grevenbroicher Werkstatt nach England führen wird. Aus dem Gehäuse waren ganze Teile herausgebrochen, die aufgefüllt und neu furniert werden mußten.
Die musikalischen Besonderheiten liegen zum einen in der Disposition, die neben einem durchlaufenden 16'+8'+4' neben der üblichen Vox celeste 8' auch noch eine 4'-Aeolsharfe als Schwebung über die gesamte Klaviatur aufweist.
Dazu kommt die kleine Akkordklaviatur, eine mechanische "Ein-Finger-Begleitautomatik", die für einen nicht so versierten Spieler mit speziellen Notenheften eine Liedbegleitung im vierstimmigen Satz als "Spielen nach Zahlen" ermöglichte.
Bei diesem kleinen, einspieligen Vier-Oktaven-Druckwindinstrument sind die Tretschemel zugleich die Balgplatten der Schöpfbälge; eine anfangs recht gebräuchliche Bauform.
Die Bälge waren in allen Nähten aufgeplatzt, und der Luftkanal zur Windlade trug mit seinen Rissen ebenso zum Windverlust bei.
Einen Restaurator lassen natürlich auch Wasserschäden nicht ruhig schlafen: So wurde nicht nur eine weggefaulte Bodenleiste erneuert, sondern auch der Deckel komplett neu furniert – eine zu lange Nutzung als Blumenbank hinterläßt so ihre Spuren...
Druckwind, unbekannter Erbauer
Philipp Trayser, Stuttgart (Serien-Nr. 29.291)
Zu einem Besuch in der Werkstatt war dieses eineinhalbspielige Druckwindharmonium aus dem Hause Trayser. Die 8'-Grundstimme wird im Diskant um eine Voix celeste ergänzt.
Für die Verwendung im Konzert mit anderen Instrumenten war eine Höherstimmung auf 442 Hz gewünscht. Um auch eine bühnentaugliche Optik zu erzielen, sind die Stoffbespannungen des Schalldeckels und des Rückwandrahmens gleich mit erneuert worden.
Schiedmayer Pianofortefabrik, Stuttgart (1914/15)
Tonstudios, die nach neuen, kreativen Klangmöglichkeiten suchen, stoßen immer häufiger auf das Harmonium.
So gehört auch dieses klanglich vorzügliche Instrument in den Besitz eines solchen, und bei der Restaurierung wurde hier natürlich ganz besonderer Wert auf ein nebengeräuscharmes Spiel gelegt.
Die Konstruktion dieses zweieinalbspieligen Saugwindharmoniums kommt dem aber auch entgegen, denn schon Schiedmayer hat sich Gedanken zur Wartungsfreundlichkeit gemacht und z.B. clevere Möglichkeiten zum Schmieren der Gurtumlenkrollen eingebaut.
Trayser, Stuttgart (1869)
Ein richtiges Schätzchen ist dieses einspielige Druckwindharmonium mit einem bezaubernden Äußeren: Wurzelholzfurnier mit aufwendigen Intarsienarbeiten und hübsche Beschläge zieren Deckel und Korpus.
Die meist zu laute Baßseite ist durch ein entsprechendes Register dynamisch zu reduzieren, und nachdem der wie so oft stillgelegte Expressionszug wieder aktiviert wurde, bietet dieses Instrument einen weiten, ausdrucksstarken Gestaltungsbereich.
Natürlich stand davor eine arbeitsintensive Generalüberholung der Schöpfbälge, die nur noch aus Lederfetzen bestand, und der gesamten Spielanlage. Tretschemel, Schalldeckel und Gehäuse sind selbstverständlich ebenso gründlich aufgearbeitet worden.
Estey Organ Co, Brattleboro Vt, USA (1898)
Immer wieder begeistert mich an dieser Modellreihe Esteys aus den Jahren etwa von 1890 bis 1905 die reichhaltige Verzierung des Notenständers. Ein Instrument mit baugleichem Korpus, der oben umlaufenden Messingreling und einer Sichtrückwand mit gedrechselten Säulen in einem Schallfenster gehört ja auch zu meinen eigenen Konzertinstrumenten.
Dieses hier ist nun völlig gegensätzlich disponiert: Während meines dem Normalharmonium folgt, hat dieses Instrument jeweils eine durchlaufende 16'-, 8'-, 4'- und 2'-Zungenreihe, dazu die Oktave Subbaß 16'. Dafür fehlen die Schwebestimmen – eine echte "reed organ" also mit der Betonung auf "organ". Aber die Klangkrone ist schon beeindruckend...
Lindholm, Borna (1955)
Ist es verzeihlich, wenn ich zu diesem völlig gegensätzlichen Instrument etwas despektierlich "Wickelkommode" sage?
Im geschlossenen Zustand war das meine erste Assoziation, aber bei den funktionalen Gehäuseformen der 1950er Jahre bleibt soetwas nicht aus.
In diesem Korpus steckt aber ein hübsch klingendes, dreispieliges Saugwindharmonium in reiner 8'-Disposition. Aus einer breit und zwei schmal mensurierten Zungenreihen gewinnt es eine nuancierte Klangpalette einschließlich Schwebung.
Saugwind, 4½-spielig, Unbekannter Erbauer
Immer wieder trifft man bei den Generalüberholungen auf neue, interessante Konstruktionsdetails, hier in der Registertraktur.
Der an sich durchlaufende 16' tut dies nicht beim vollen Werk. Seine Klappen sind noch einmal unterteilt, so daß im Grand Jeu etwas mehr als die mittlere Oktave stumm bleibt, wohl um die übrigen Register klanglich nicht zu verdecken. Gezogen mit den Manubrien klingt er jedoch über die gesamte Klaviatur.
Schade an diesem Harmonium ist die schlechte Holzqualität: Nicht nur der furnierte Korpus, sogar die klaviaturtragenden Seitenwangen des Stimmstock und das Fundamentbrett sind aus Spanplatten gezimmert. Da ich letztere schon durch Feuchtigkeit aufgequollen gesehen habe, ist da am falschen Ende gespart worden.
Es ist nicht klug, Ideen aus dem Billig-Möbelbau auf Musikinstrumente anzuwenden...
Pedalharmonium, Druckwind
(Erbauer unbekannt)
Wenn der Patient nicht transportfähig ist, macht der Harmoniumdoktor natürlich auch Hausbesuche: Werkzeug, Materialien und Ersatzteile in den Rettungswagen und los geht's...
In diesem Fall waren es vor allem Heuler, die den Spielspaß beeinträchtigten. Hungrige Motten hatten es sich in den Filzen der Tonventile gut gehen lassen, aber auch verschiedene verschiedene (ha, Wortspiel!) Kerbtiere verhinderten ein ordnungsgemäßes Schließen der Ton-und Registerventile, weil sie sich darin verklemmt hatten.
Zwischendurch gab dann noch der Anlaufkondensator des Gebläses seinen Geist auf, was nach Jahren des Stillstands und wechselnden klimatischen Bedingungen auch kein Wunder war.
Nun klingen im Obermanual drei, im Untermanual fünf und im Pedal zwei Spiele. Schade nur, daß nicht alle Koppeln disponiert sind: noch ein II-P und I-P würde die musikalischen Möglichkeiten erheblich vergrößern.
Theodor Mannborg, Leipzig (ca. 1909)
Dieses Harmonium mit seinen viereinfünftel Spielen kam in einem desolaten Zustand in meine Werkstatt: Durch Wasserschäden hatte sich überall Furnier gelöst, die Verzierungen der Frontblenden waren teilweise herausgebrochen und natürlich fehlte es am nötigen Spielwind.
Aber es steckte auch wieder ein ungewöhnliches Detail darin, denn das Diskantregister Clarinette 16' ist als Halbzug ausgeführt, der in der ersten Raststellung die Töne c'' bis f''' aktiviert und erst bei voller Betätigung auch die Oktave von c' bis h'. Der musikalische Sinn erschließt sich mir nicht so ganz, aber vielleicht kommt das noch...
Aufgeputzt, mit neu bezogenen Bälgen, überholtem Innenleben und zwei stilechten Kerzenleuchtern schmückt es nun das Trauzimmer einer Gemeindeverwaltung.
Estey Organ Co. (1896)
Brattleboro, Vermont, USA
Ein Tonstudio in Berlin bereichert nun seine Klangpalette um dieses wunderschön klingende (und optisch attraktive) Instrument.
Beim ersten Blick in das Untergehäuse war ich überrascht, denn der Magazinbalg füllte nicht wie sonst üblich die Senkrechte aus, sondern hing quasi waagerecht unter dem Fundamentbrett.
An der Magazinbalgblatte sind die Schöpfbälge schwimmend montiert, und dadurch benötigen die Tretschemelgurte keine Umlenkrollen. Sicher nicht das Schlechteste, wenn für Tonaufnahmen auf diesem Wege mögliche Nebengeräusche minimiert werden.
Schiedmayer Pianofortefabrik, Stuttgart (ca. 1926)
Hier sehen wir bei einem fünfeinfünftelspieligen Harmonium interessante Konstruktionsdetails:
Zunächst überrascht die Disposition mit einer traumhaft schön schwebenden Vox celeste in 16'-Lage, aus der Clarinette 16' und einer zweiten, eigenen, tiefer gestimmten Zungenreihe gebildet. Für Saugwindinstrumente ist das eine absolut seltene Ausstattung – und ich laufe bei diesem Klangeindruck sofort Gefahr, mit den Druckwind-Puristen in heftige Diskussionen zu geraten...
Ungewöhnlich auch der auf dem Kopf stehende Magazinbalg; er zieht sich nicht unten, sondern oben zusammen. Durch diese besondere Lage sind die Schöpfbälge so angeordnet, daß man statt mit Gurtband und Umlenkrollen die Tretschemel mit einem festen Gestänge ankoppeln kann.
Und was mir auch gefällt: Die Wellenkonstruktion in der Registermechanik ermöglicht mit kleinen Kulissenhebeln und Madenschrauben eine perfekte Einstellung der Klangdifferenzierung zwischen den beiden Registerklappenstellungen offen und abgeschwächt beim 8' und 4' bzw. für die 8'-Schwebung im Diskant aus Oboe und Melodia.
Schließlich rundet noch ein Prolongement von Kontra F bis Groß H, also mit üppigen eineinhalb Oktaven Umfang, das überaus positive Gesamtbild ab. Übrigens verschwindet der Notenständer im eingeklappten Zustand in der Kranzleiste des Deckels – auch das eine pfiffige Lösung...
D.W. Karn, Woodstock, Ontario (Canada), 1897
Schaut man sich das rechts nebenstehende Bild an, spürt man förmlich, daß dieses edle Salonharmonium in einer Werkstatt eher wie ein Fremdkörper wirkt.
Seine wechselvolle Lebensgeschichte – datiert ist es auf der Klaviatur mit 14. Mai 1897 – läßt sich über Kasachstan bis nach St. Petersburg zurückverfolgen, und den einen oder anderen Schaden hat es auch an seinem wunderschön gestalteten Korpusaufsatz davongetragen.
Dafür stelle ich mich aber gerne an die Drechselbank, um die fehlenden Verzierungen wieder zu ergänzen. Auch eine abgebrochene Ecke des Notenständers wurde rekonstruiert.

Musikalisch stehen ein 8'-Register mit Abschwächung, eine Schwebestimme im Diskant und ein profunder, in den normalen Stimmstock integrierter Subbaß zur Verfügung, dazu zwei Oktavkoppeln und eine Vox humana.
Brüning & Bongardt, Barmen (um 1920)
Jedes Harmonium erzählt so seine Geschichte. Bei diesem zweispieligen Saugwindinstrument wurde im Rahmen der Blasebalgüberholung auch der alte Papierbelag auf der Magazinbalgplatte entfernt. Darunter kamen, mit Bleistift in Sütterlin geschrieben, die folgenden Verszeilen zum Vorschein:

Ach Schatz, ich hab so ne große,
ne große Sehnsucht nach Dir,
und du, du hast so nen langen,
nen langen Weg zu mir.

Offensichtlich hat da der Harmoniumbauer seinen Liebeskummer verewigt...
Nun hat das Instrument wieder eine schöne Stimme und gleich noch eine passende Bank aus Eichenholz dazu bekommen.

J. B. Napoleon Fourneaux, Paris (vor 1850)
Das ist nun wirklich das bisher älteste Instrument, das meine Werkstatt besucht hat. Zwar läßt es sich nicht ganz genau datieren, aber da Fourneaux sein Unternehmen um 1850 in eine andere Straße in Paris verlegt hat und dieses einen Stempel mit der älteren Adresse trägt, läßt sich das Alter ganz gut eingrenzen.
Eine Besonderheit dieses einspieligen Druckwindinstruments ist neben einer etwas ungewöhnlichen Anordung des Magazinbalgs vor allem die senkrechte Lage des Stimmstocks mit den Zungen für die unteren dreieinhalb Oktaven (abwechselnd vorne / hinten) – eine Bauform, die Fourneaux öfter angewendet hat.
Th. Mannborg, Leipzig (1910)
Mich würde ja einmal interessieren, was jemanden dazu veranlaßt, ausgerechnet die nützlichsten Spielhilfen aus einem Harmonium auszubauen.
Bei diesem Instrument wurden tatsächlich die Oktavkoppel, das Prolongement und die komplette Diskantexpression samt drittem, mittlerem Kniehebel entfernt und das Instrument damit wesentlicher musikalischer Gestaltungsmöglichkeiten beraubt.
Da hilft dann nur eine Rekonstruktion: Für die Expression wurden mittlerer Kniehebel, Kulissenschaltung und Steuerbalg neu gebaut, und auch eine Oktavkoppel ist wieder hinzugefügt.
Das Prolongement wird später ergänzt, denn zunächst mußte das Budget in die Beseitigung zahlreicher Holzwurm- und Mottenschäden gesteckt werden...
Hug, Leipzig (Hersteller vermutlich Th. Mannborg)
Bei diesem zweispieligen Druckwindinstrument war eine gründliche Generalüberholung vonnöten – u.a. mußte die gesamte Dichtungswulst erneuert werden, weil die unfachmännische Abdichtung mit Moosgummi ziemlich klebrigen Schaden angerichtet hatte. Also vier Meter Seil mit Leder umnähen...
Auch alle Tonventile haben einen neuen Belag erhalten, weil gefräßige Motten gründliche Arbeit verrichtet und den Filz weggefressen hatten; auch die Blasebälge, die in den Zwickeln Löcher hatten, wurden neu bezogen.
Nun macht das Spielen auf diesem klangschönen Harmonium mit einer wirkungsvollen Expression wieder großen Spaß!
Unbekannter Hersteller
Offensichtlich wurde bei diesem zweispieligen Harmonium das Registervorsatzbrett, das üblicherweise in Goldlettern den Firmennamen trägt, irgendwann einmal nachgeschwärzt und der Schriftzug ging verloren. So bleibt zwar der Hersteller anonym, aber dafür läßt es sich historisch gut datieren: Die Schöpfbalgplatten sind von innen mit Zeitungspapier einer Ausgabe der Deutschen Kriegszeitung vom 3. Oktober 1914 beklebt, einschließlich Schokoladenreklame...
Zungenetui
Immer wieder praktische und ungewöhnliche Lösungen zu finden ist ja mein Ding: Hier habe ich z.B. für einen Kunden ein Holzetui gebaut, um zwei komplette Spiele mit je 49 Zungen für ein Reiseharmonium aufzubewahren. Schließlich macht es ja Sinn, statt für unterschiedliche musikalische Einsätze ein Harmonium umzustimmen, einfach einen weiteren Satz in der passenden Tonhöhe bereit zu halten. So geraten die Zungen in den mit Filz ausgeschlagenen Aussparungen nicht durcheinander.
M. Hörügel, Leipzig (1914)
Mit viereinhalb Spielen sehen wir hier ein gut ausgestattetes Saugwindharmonium des - wie er von sich selbst behauptete - größten deutschen Harmoniumherstellers.
In der Tat steckt in diesem imposanten Instrument auch eine große und differenzierte Klangfülle, und der Erhaltungszustand des Instruments, das im nächsten Jahr seinen 100. Geburtstag mit einigen Konzerten feiern wird, war ausgesprochen gut.
Abgesehen von der unbefriedigenden Luftversorgung, die durch die Alterung des Gummituchs der Balsebälge zu den üblichen Problemfällen zählt, waren nur dem Verschleiß unterworfene Teile zu überholen.
Natürlich wurden auch der Eichenholzkorpus aufgearbeitet und die Kerzenleuchter poliert. Mit einer Höherstimmung auf 442 Hz steht nun einer intensiven musikalischen Nutzung nichts mehr im Wege.
Harmonium-Bänke
Auch das gehört dazu: Instrumente gibt es noch viele, aber es mangelt immer wieder an einer ergonomisch günstigen und stilistisch passenden Harmoniumbank.
Für ein optimales Bespielen sind die Höhe und die Sitzflächenneigung von entscheidender Bedeutung (ein gerader Klavierhocker oder ein Stuhl mit vielen Kissen - das geht gar nicht!).
Genauso wichtig finde ich aber auch die Ästhetik, und so konstruiere ich gerne zum Kundeninstrument ein Sitzmöbel mit der entsprechenden Ornamentik.
Magnus Hofberg, Leipzig (um 1912)
Ist das nicht ein Prachtexemplar? Der Großvater des heutigen Besitzers hat dieses Instrument angeschafft und sich dabei die üppigste Disposition gegönnt: 5+1/2+1/5 Spiele mit feinstnuancierten Klangabstufungen stecken in einem klassizistisch anmutenden Korpus, dessen Säulenverzierungen in massiven Messingdrehteilen als Kapitellen enden.
Viel Liebe zum Detail steckt in den kleinen Blumenornamenten und den Kerzenhaltern, ebenfalls aus massivem Messing, so wie den schwarzen Ziergirlanden aus gepreßter Buche.
Viel Arbeit steckte allerdings auch darin: Stark oxydierte Zungen, die sich kaum noch aus den Kanzellen ziehen ließen, Holzschäden am Stimmstock, Schimmel und Holzwurmbefall – da muß man schon mal aus Leidenschaft und voller Überzeugung für das wertvolle Stück mehr Zeit aufwenden als das Budget hergibt. Aber es hat sich absolut gelohnt! So ein Exemplar findet sich sicher so schnell nicht wieder.
D.W. Karn, Woodstock, Ontario (Canada), 1901
Wieder einmal eines der klangschönen Instrumente aus Übersee: zweispielig, im massiven Nußbaumkorpus und mit einer langen Geschichte.
Die Eigentümer haben es aus England mitgebracht, und es läßt sich noch zurückverfolgen, daß ein Musikinstrumentenhändler aus Dundee in Schottland es aus Kanada importiert hatte. Er hatte seinen Sitz in Dundee's Nethergate, einer lebendigen Geschäftsstraße, die auch heute noch diesen Namen trägt, wie ich in den Sommerferien festgestellt habe.

Übrigens: Ein Harmonium (von Wilcox & White) war sogar mit auf der Discovery, dem Schiff, mit dem Scott zum Südpol gesegelt ist – ein Geschenk der Gemeinde von Christchurch auf Neuseeland. Es hat schwerste Stürme überstanden und steht heute in erstaunlich gutem Zustand in Dundee im Discovery Point.
Wetzel, Hamburg (ca. 1930)
Ein Fall von Familienzusammenführung:

Die Firma Wetzel hat viele evangelisch-freikirchlich engagierte Familien und Gemeindehäuser mit Harmonien versorgt, und als nun eine Verwandte von Wetzels nach einem Erinnerungsstück aus der Familie suchte, konnte ich dieses dreispielige, nur mit 8-Fuß-Registern unterschiedlichster Klangfarben ausgestattete Instrument weitervermitteln, das bei einer Kundin ein ungenutztes Dasein fristete.
Auf dem Weg in sein neues Zuhause ist es natürlich erst einmal in meiner Werkstatt wieder in Bestzustand versetzt worden, und bevor es seine neue Besitzerin erfreuen darf, hat es noch einen großen Auftritt im Potsdamer Schloß Sanssouci: "Bach auf Schwedisch" heißt das Programm, bei dem es seine fein abgestuften Klangfarben präsentieren darf...

Schiedmayer, Stuttgart
zweimanualiges Druckwind-Kunstharmonium
Eine traumhafte Aufgabe (und viel Arbeit) kommt da auf mich zu: Dieses zweimanualige Druckwindinstrument mit zehn Zungenreihen im Baß und dreizehn im Diskant ist mit so ziemlich allem ausgestattet, was ein großes Kunstharmonium braucht. Dafür hat es auch Abmessungen, mit denen man durch keine normale Zimmertür oder noch durch ein Treppenhaus kommt.

Doppelte Expression, Prolongement mit zusätzlicher Hackenauslösung, Metaphone, Forte fixe, Grand Jeu als Fußhebel, geteilte Manualkoppel, Halbzüge, die entweder nur die Töne des Prolongement-Bereichs mit Luft versorgen oder als Abschwächungen dienen und natürlich die zauberhaftesten Klangfarben – von der betörenden 32' Baryton-Solostimme bis zu den verschiedensten Schwebungen und der Percussion für die 8'-Grundstimme. Ich bin äußerst gespannt, wie darauf Karg-Elert oder die französischen Komponisten klingen...

Olof Lindholm, Borna (1912)
Mit diesem Instrument gibt es gleich zweimal etwas zu feiern: Zum einen ist es das 100. Harmonium, das in meiner Werkstatt generalüberholt wurde, zum anderen begeht es selbst am 18. November 2012 seinen 100. Geburtstag.
In der Windlade dieses vierspieligen Saugwindinstruments hat sich nämlich mit Datum und Namenszeichen ein Paul Vogel verewigt; wohl der Mitarbeiter des Herstellers, der es am 18.11.1912 endmontiert hat.
Zu diesem Ehrentag habe ich mit einem kleinen Geschenk beigetragen und die Kerzenhalter, von denen nur noch die Befestigungen vorhanden waren, mit stilgerechten Auslegern komplettiert.
Die Besitzerin hat sich dann auch gleich entschieden, daß dieses Harmonium, das sie von Ihrem Urgroßvater übernommen hat, wieder regelmäßig erklingen soll – und nimmt nun Unterricht. Toll, finde ich...
Ein Beispiel mit Nachahmungswert!
Peter Titz, Wien (ca. 1860), Physharmonika
Nachdem schon ein leidenschaftlicher Sammler in meinem Kundenkreis eine solche Physharmonika an Land gezogen hat, ist dies von der Handvoll erhaltener Exemplare nun das zweite in Düsseldorf. Beide sind in einem recht guten Zustand, so daß sich nun im direkten Vergleich die jeweils fehlenden Teile rekonstruieren lassen.
Die Zungen sitzen bei diesem Harmonium-Vorläufer noch in einzelnen kleinen Holzresonatoren. Mit sechs Oktaven Manualumfang und jeweils einer Oktavkoppel für Baß und Diskant ergibt das eine voluminöse Klangfülle.
Wie so oft bei Druckwindinstrumenten ist auch hier die Expression stillgelegt (jemand hat den Registerzug ausgebaut, die Mechanik ist aber noch vorhanden); es ist eben nicht ganz einfach, sich die dafür erforderliche Spieltechnik anzueignen – aber für ein"artgerechtes" Musizieren unumgänglich...
Th. Mannborg, Leipzig (1918)
Alter Schwede, könnte man da sagen – denn im Magazinbalg fand sich eine zum Abdichten aufgeleimte alte Zeitung: eine Ausgabe des Svenska Dagbladen von Fredagen, den 12. Juli 1918. Offensichtlich hat Mannborg auf diesem Weg Kontakt zu seiner schwedischen Heimat gehalten.
Abgesehen vom Zeitungsdatum weisen auch andere Dinge darauf hin, daß dieses Harmonium eines Kölner Tonstudios kurz vor dem Ende des ersten Weltkriegs gebaut wurde: Zwar hat es Messingzungen zur Tonerzeugung, aber offensichtlich zwangen Versorgungsmängel den Hersteller dazu, die Zungenrahmen aus Zink statt Messing anzufertigen. Die wertvolleren Metalle wurden halt für den Krieg gebraucht, so wie man auch die Zinn-Prospektpfeifen der Kirchenorgeln 1917 eingesammelt und häufig durch Zinkpfeifen ersetzt hat. Ein interessanter Zeitzeuge also...
M. Hörügel, Pedalharmonium (ca. 1928)
Beim ersten Anschauen dieses Pedalharmoniums bekam ich erst einmal eine Ladung leerer Sonnenblumenkernschalen ab, als ich die hintere Forteklappe des Oberwerks öffnete. Da haben wohl ein paar Generationen Mäuse gewohnt...
Zum Spielen dieses Intruments müssen Sie nicht unbedingt "einen neben sich stehen haben", denn außer der Handschöpfanlage gibt es auch ein im Winddruck regelbares, elektrisches Gebläse und natürlich, wenn man auf's Pedalspiel verzichten kann, die herkömmlichen Tretschemel.
Elf (!) Zungenreihen verteilen sich auf Ober- und Untermanual, dazu kommt ein eigenständiger 16' im Pedal. Allerdings fehlt derzeit eine Koppelmöglichkeit, um die Register der Manuale im Pedal nutzbar zu machen. Damit man also nicht nur einen "Rumpelbaß" spielen kann, rüste ich nun wenigstens eine Koppel I-P nach – für mehr fehlt leider der Platz.
Selbst das ist schon eine kleine Herausforderung, denn um den Abstand zwischen den Pedalventilen von ca. 30 mm an den von nur ca. 13 mm der (auch noch ganz außen liegenden) linken 27 Tasten des Manuals anzupassen, benötigt man ein Wellenbrett, für das mir nur 40 mm Bautiefe zur Verfügung stehen. Da arbeitet man dann mit allen Tricks, z.B. in Nuten eingelassenen Aluminiumwellen und gekröpften Abstraktendrähten...

Mittlerweile ist dieses Harmonium nach Österreich gelangt und wird in Hollenegg in der Steiermark in der Kirche St. Wolfgang seinen Platz finden.

Liebmannista-Spielapparat
Der von Liebmann entwickelte Spielapparat ist der mechanische Vorläufer der Einfinger-Begleitautomatik heutiger elektronischer Keyboards.
Die kleinen runden Knöpfe sind mit Nummern und Symbolen gekennzeichnet, und entsprechende Notendrucke enthielten neben der einstimmig aufgeschriebenen Melodie samt Text die entsprechenden Markierungen über den Noten. So konnte auch der musikalisch nicht so Kundige diese Lieder im vierstimmigen Satz begleiten. Dabei war die Auswahl der vorprogrammierten Akkordverbindungen musikalisch recht anspruchsvoll, und mit den beiden Flügelmuttern ließ sich sogar die Tonart entsprechend anpassen.
Mechanisch funktionierte das Ganze so, daß schmale Holzleisten von den Knöpfen heruntergedrückt wurden, die mit kleinen Ringschrauben oder Klötzchen die entsprechenden Tasten betätigten. Bei diesem zweispieligen Instrument läßt sich natürlich auch ganz normal musizieren: Der Spielapparat kann hineingeschoben werden und gibt dann die Tastatur frei...
Merklin & Schutze, Bruxelles (vor 1853)
Es geht noch älter: Nach dem Alexandre von 1859 ist dieses Vierspiel seines Schülers Merklin mit großer Wahrscheinlichkeit auf vor 1853 datierbar, weil es noch den alten Firmennamen trägt, der in diesem Jahr wechselte. Mit Sicherheit wurde es aber vor 1855 gebaut, weil sonst neben der Medaille von 1847 auf dem Fimenschild der 1855 gewonnene erste Preis bei der Weltaustellung in Paris als bester Werbeträger ebenfalls darauf abgebildet gewesen wäre.
Beste Werbung war allerdings nicht die Arbeit des angeblichen Profis, der sich schon an diesem Instrument zu schaffen gemacht hat. Die neu gebauten Schöpfbälge sind eine Fehlkonstruktion; sie haben keine starren Balgfalten aus Holz und Lederverbindungen, sondern einen abenteuerlichen Gummituchbezug. Die Luftversorgung macht also ein bißchen den Eindruck eines Frosches, der seine Backen aufbläst. Für ein Spiel ohne Expression ist das noch hinnehmbar, aber mit gibt es einfach kein kontrollierbares Spielgefühl.

Zudem sind die Balgplatten mit dicken Metallscharnieren verbunden worden, wodurch sich die Gesamtposition der Balganlage so verändert hat, daß die Abschottungen der Windkammern permanemt Registerklappen betätigten, die damit nicht mehr abstellbar waren.
Die viele Arbeit – Reparaturen, Korrekturen der Registertraktur, Reinigung der gesamten Spielanlage, Neubelederung aller Registerklappen, Überholung der Tastenventile etc. – wird nun aber mit einem kräftigen Klangbild belohnt. Und irgendwann bekommt auch das Gehäuse noch seinen Putz: immerhin hat das Instrument nun wieder einen Schalldeckel mit Notenständer...
Alexandre et Fils, Paris (1859)
Ein schönes, klassisches Vierspiel aus bestem Hause, zugleich das nachgewiesen älteste Instrument, das bisher in meiner Werkstatt war: "28. Fevrier 1859" steht handschriftlich vermerkt in der Windlade des Instruments mit der Seriennummer 18737.
Einige Undichtigkeiten in der Luftversorgung wurden behoben, schnarrende Zungen korrigiert und die bis dato fürchterlich quietschende Registermechanik komplett überholt.
Viel Aufwand habe ich aber auch in die Aufarbeitung des Gehäuses gesteckt: fehlende Zierleisten kopiert, verwurmte Gehäuseteile ausgetauscht, Tretschemel und Wippen überholt, die fehlende Frontklappe ergänzt, Bespannstoffe erneuert und schließlich eine neue, mehrschichtige Schellack-Lasur aufgebaut.
Mini-Balganlage
Manchmal gibt es ganz besondere Aufträge:
Für einen Profimusiker, der ein einer Melodica ähnliches Blasinstrument mittels Blasebalg spielen möchte, habe ich diese kleine Balganlage konstruiert.
Der mit Teppich bezogene Tretschemel ist zugleich der Schöpfbalg, der durch Federkraft zurückgestellt wird. Der Magazinbalg links daneben kann durch einen Stopper arretiert werden, so daß man wahlweise mit konstantem Luftdruck oder mit Expression spielen kann.
Witzig, aber es funktioniert großartig!
Brüning & Bongardt
Auch das kleinste Gotteshaus braucht ein Musikinstrument.

So steht nun dieses zweispielige Harmonium nach gründlicher Überarbeitung ( Blasebälge neu betucht, Mechanik überholt, Stimmstock repariert, Gehäuse aufgearbeitet) als Stiftung meiner Werkstatt in der Autobahnkapelle Heseper Moor an der A31 zwischen Twist und Geeste.

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